Süddeutsche Zeitung:

Helden im Anflug

Das Winter-Tollwood will mit Gutem die Welt verbessern

Von Michael Zirnstein

Man kann sich die Sitzung, in der die Tollwood-Macher das Motto für diesen Winter ausgebrütet haben, so vorstellen: 30 Festivaljahre, alle pfiffigen Slogans schon benutzt, nach zähem Hirnen fallen erste Stirnen auf die Massivholztischplatte. Endlich sagt einer: “Lasst uns was Starkes machen, was mit Superkräften, so was wie ,heldenhaft'”. Meint ein anderer: “Gut, geht aber noch besser.” Ruft jemand: “Das ist es!” – “Was jetzt?” – “Na: ,Gut geht besser’.” Alle blicken fragend, verstehen es nicht so recht, nicken es aber erschöpft ab.

So richtig klar wurde das Motto “Gut geht besser” auch auf der Pressekonferenz nicht. Die Tollwood-Sprecherin Christiane Stenzel versuchte es in einer Zeit der “düsteren Zukunftsszenarien” mit “existierenden positiven Gegenentwürfen” – und als ein solcher versteht sich das alternative Fest ja von Anfang an. Auch die Besucher dürfen von 23. November an einen Advent lang gute Ideen einbringen: Beim Haupteingang wird die “Speedzeichnerin” Lisa Schmidt die Verbesserungsvorschläge der Gäste für ihre Stadt auf zehn Metern Leinwand skizzieren. So kann jeder zum Akteur, zu einem Alltagshelden werden.

Und da ist es wieder, das heimliche Motto dieses Tollwood-Winters. Alles ist heldenhaft, vor allem der Weltsalon, das Zelt mit den großen Gesellschaftsthemen, das sich heuer als “Heldenschmiede” versteht. Eine Heldin ist zum Beispiel Amal Zankalo, die aus Syrien geflüchtet ist, und sich hierzulande in der Initiative Wir-Werk engagiert. In der Ausstellung “Land der Kulturen” wird sie den Besuchern den schwierigen Flüchtlingsalltag etwa in kleinen Computerspielen näherbringen. “Integration gibt es nur dann, wenn beide Seiten aufeinander zugehen”, sagt sie. Helden sind auch jene Teilnehmer von vier Diskussionsrunden, die bereits Gutes vorleben, etwa Florian Reiter, “Zweitnutzungshuhnbauer” aus dem Chiemgau, der männliche Küken vor dem Schredder bewahrt und zur Schlachtreife aufzieht. In einer Heldenkabine kann man einem Trump-Avatar Liebe geben, das Kinderprogramm wird zur Heldenschule mit Heldencomiczeichenkurs, und freilich sind vor allem die Festivalkünstler Helden der Bühne: Ob Musiker wie Hundling im Hexenkessel-Zelt. Freiluft-Artisten wie die Luftballonballett-Tänzer Heliosphere. Oder die Akrobaten des australischen Circus Oz mit ihrer Ensuite-Show “Model Citizens”. 1994 war die Kompanie zum ersten Mal bei Tollwood zu Gast, seitdem seien, wie Theater-Chef Markus Wörl sagt, die neuen Zirkuskünste “untrennbar mit Tollwood verbunden”.